Tango in Berlin: Die Vorgeschichte

der 2. Tango-Ära in Europa ab 1973

In den siebziger Jahren wird die südliche Hemisphäre Lateinamerikas von einer Serie brutaler Militärputsche heimgesucht. Diese Serie beginnt Mitte 1973 in Uruguay mit der Auflösung des Parlaments durch die Militärjunta. Tausende von Uruguayern (bis 1976 verlässt 1/3 der Bevölkerung das eigene Land) gehen ins Exil nach Argentinien und Chile.
Knapp drei Monate später, im September 1973 schlägt das Militär unter der Führung von Pinochet in Chile zu. Tausende von Chilenen fliehen nach Argentinien, Mexiko, Schweden und andere hilfsbereite Länder.
Der Kessel schließt sich, als 1976 in Argentinien die Militärjunta putscht und abermals tausende von Menschen flüchten müssen. Zu diesem Zeitpunkt verspricht nur noch Europa eine Rettung vor Verfolgung, Gefängnis, Folter und Tod.
Es beginnt das Leben im Exil in Holland, Frankreich, Spanien, Schweden, der Bundesrepublik Deutschland u.a. Der Wohlstand tut gut und doch bleibt ein Gefühl des schmerzhaften Verlustes. Heimweh, die Freunde, das Stadtviertel, die fiesta, die Frauen und Männer, die offenen Umgangsformen, die Spontaneität, die Improvisation, das Lebensgefühl etc.
Der Verlust schmerzt und die Gefühle führen zurück in die Heimat, auf der Suche nach bekannten Ausdrucksformen, die das Leid ausdrücken können.
Für Uruguayer und Argentinier ist es der Tango. Aus der Erinnerung wird langsam eine Rekonstruktion gewagt. Mit der Musik und dem Gesang beginnt die Tangobewegung unter den südamerikanischen Exilanten in Paris. Sie schaffen sich im November 1981 ihre eigene Bühne, das Trottoirs de Buenos Aires. Hier sind Juan José Mosalini, das Cuarteto Cedrón, Valeria Munariz, Susana Rinaldi, Joséfina, Jacinta und andere zu Hause.
Auf dem Horizonte Festival 1982 in Berlin entsteht dann der finanzielle Rahmen alle diese Tangogrößen gleichzeitig vorzustellen. Im Künstlerhaus Bethanien wird der Tango Palast von Daniel Zelaya und Juan Carlos Castaldi entworfen. Hier tritt die damalige Pariser Musikerszene auf: Juan José Mosalini, das Cuarteto Cedrón und das Sexteto Mayor, das damals gerade in Paris gastierte. In der Philharmonie spielen Astor Piazzolla und Susana Rinaldi.
Es gelingt den Exilmusikern, mit Unterstützung Astor Piazzollas, das Interesse für den Tango bei den Bewohnern der alten Welt zu wecken. Tango nuevo wird er genannt. Anfangs nimmt man ihn mit großer Verwirrung, und dann mit zunehmender Begeisterung auf.
Der Tanz lässt auf sich warten. Das Europäische Klischee ist allgegenwärtig. So sah man im Tango Palast 1982 zwei Welten aufeinander prallen, die eine bestehend aus den Europäischen Matadoren, die in Akkordarbeit versuchen, ihre Frauen zu konzertanter Musik auf´s Kreuz zu legen, während sie mit verächtlich strafender Miene auf jene Dilettanten schauen, die eine andere Welt darstellen. Ein paar eng umschlungene Pärchen, die sich zur Pausenmusik von Juan D´Arienzo und Di Sarli kaum von der Stelle bewegen und mit zögernden, langsamen Bewegungen die körperliche Nähe suchen, um sich ein wenig Wärme und Geborgenheit im Exil zu geben.
Die Melancholie von Buenos Aires und Montevideo war in Berlin eingetroffen, doch es brauchte noch viel Zeit, Geduld und Ausdauer, bis sie ihre wirklichen Freunde gefunden hatte. (© Juan D. Lange) back to top