Ob es einen Tango Grundschritt gibt oder nicht, ist Thema unter Tangointeressierten. Sucht man bei Google, ("Tango Grundschritt", aber auch "Salsa Grundschritt" etc.) findet man viele Ergebnisse, über die man sich nur wundern kann: Seitenweise Abhandlungen, die sich in Details der Ausführungen eines Grundschrittes verlieren, bis hin zu ideologischen Abhandlungen, die mit dem ursprünglichen Tanz nicht viel zu tun haben. Der Tango muss für Vieles herhalten. Er ist eine geniale Oberfläche, um auf ihn zu projizieren. Seine Vielfalt gibt es her, seine Geschichte, die im Verlauf eher anarchistisch als geordnet verlief, ebenfalls. Eine Beliebigkeit daraus zu machen, oder ihn bis ins Detail zu definieren, verfehlt seine Essenz.
Die Definition laut Wikipedia: "Als Grundschritt wird ein Schrittmuster eines Tanzes bezeichnet, welches den charakteristischen Rhythmus des Tanzes besonders deutlich hervorhebt und beliebig oft hintereinander getanzt werden kann". Der deutsche Tanzschulbesucher wird demzufolge auch davon ausgehen, einen Tango Grundschritt in seinem gebuchten Tango Argentino Kurs zu lernen. Wenn das dann eintrifft, sind seine Erwartungen erfüllt, jedoch ist er eher einem Etikettenschwindel aufgesessen. Dieses wird ihm wohl erst nach einer längeren Tango Karriere bewusst werden. In der alternativen Tangoszene wird aus Prinzip ein Grundschritt kategorisch abgelehnt, und manchmal auch jegliche Schrittkombination. So abwegig es ist, von einem Grundwort (Grundschritt) der deutschen Sprache auszugehen, genauso absurd ist es, zu behaupten, dass die deutsche Sprache komplett frei ist, und keine Regeln kennt. Dasselbe gilt für den Tango Argentino als Körpersprache. Auch Salsa, Rumba, Bolero und weitere Lateinamerikanische Tänze sind in dem Punkt dem Tango ähnlich. back to top

Die Geschichte zum Tanz Grundschritt

Der gedankliche Ansatz einen Grundschritt für jeden Tanz zu definieren, stammt von den Tanzinstruktoren aus den 20er Jahren in Europa. Schaut man sich das englische Buch von Richardsen P.J.S. 1948 "A history of english Ballroom Dancing" an, kann man nur staunen. Zusammenfassend für den Prozess von 1910 - 1930 findet man hier folgende Ausführungen (freie Übersetzung):
"In diesen Jahren fand eine konzertierte Anstrengung statt, einige der Tanzverrücktheiten in Tänze umzuwandeln, damit sie einer breiteren Tanzöffentlichkeit in den USA und Europa gelehrt werden konnten. Hier waren Vernon und Irene Castle wichtig, und eine ganze Generation von englischen Tänzern in den 20er Jahren, unter ihnen Josephine Bradley und Victor Silvester, die aktiv die Standardisierung der Tänze vorantrieben. Diese Profis analysierten, kodifizierten, veröffentlichten und lehrten eine Reihe von Standard-Tänzen. Der populäre Tanz sollte gedeihen und daher war es wesentlich, dass er grundlegende Bewegung besitzt, die die Tänzer mit jedem möglichem Partner sicher ausführen konnten." Die riesige Arthur Murray-Organisation in Amerika und die Tanzvereine in England, wie die "Imperial Society of Teachers of Dancing", waren dabei ebenfalls sehr einflussreich.
Die Tanzinstruktoren jener Zeit, im wesentlichen in England, waren damit beschäftigt, die Tänze aus anderen Kontinenten und kulturellen Gebieten in den Griff und unter Kontrolle zu bekommen, um sie wirtschaftlich besser ausbeuten zu können. Sie benutzten ganz selbstverständlich die kolonialen Denkweisen und Gewohnheiten, die die Kultur der Bewohner der ehemaligen Kolonien abwerteten, und legten arrogant Hand an, um sie für die zivilisierte Welt aufzuwerten. Auf geometrische und rhythmische Muster reduziert wurde der Tanz zum Spiegelbild der vereinnahmenden Kultur und von seiner traditionellen Essenz "befreit". Es entstanden die vermeintlichen Grundschritte, die von nun ab unterrichtet wurden. Die Begründung: Die Tanzverrücktheiten der Wilden wurden gezähmt und zivilisierte Tänze erfunden. Dass es aber wirtschaftlicher ist, 40 Paaren gleichzeitig ein einheitliches Bewegungsmuster im Takt einzuzählen, als mühsam das Prinzip der Kommunikation im Paar zu unterrichten, ist offensichtlich. Noch heute ist man in England stolz darauf, der Welt mit dem "World Dance Council" einen "zivilisierten" Tanzstil aufgebrummt zu haben und verschweigt die wahre Motivation.
Auch wenn dieser europäische Etikettenschwindel durch die Globalisierung, das Internet und die Reisen vieler Menschen in die Ursprungsländer der "wilden" Tänze inzwischen als solcher entlarvt wird, ist es wichtig auf diese Geschichte zu schauen, um die hierzulande verbreitete Verunsicherung beim Fehlen eines verbindlichen "Grundschritts" zu verstehen.
 
Man könnte denken, dass diese Vorkommnisse aus weiter Vergangenheit sind. Schaut man nach Österreich/Wien und das dort vorhandene Tanzschulgesetz, so sind erst 2016 die Lateinamerikanischen Tänze (Bachata Merengue, Salsa, Tango Argentino etc ) aus den geschützten Gesellschaftstänzen entlassen worden (siehe 1). Es ist schon wirklich verwunderlich, dass bis dahin die österreichischen Tanzinnungs-Inspektoren den argentinischen Tanzlehrer kontrollierten, ob er Tango Argentino kann, der kubanische Lehrer seine Überprüfung für Salsa ablegen sollte, und der brasilianische Lehrer unter die Lupe genommen wurde, ob er Samba unterrichten darf (siehe 2). In einem multikulturellen Europa, das die Achtung für andere Kulturen auf ihren Wertelisten stehen hat, können solche Regelungen eigentlich nicht toleriert werden. Somit war es höchste Zeit, dass sie 2016 abgeschafft wurden.
Das Schicksal der europäischen "Zivilisierung" erfuhren nicht nur der Tango Argentino, sondern genauso die Rumba, der Cha-Cha-Cha, die Salsa und die Samba aus Brasilien. Sie wurden auf Grundschritte reduziert, die wenig mit dem Original zu tun hatten (siehe die Vergleiche in den Videos). In diesen Kulturen, in denen kaum Tanzschulen existierten, wo aus der Volkstradition heraus getanzt und gelernt wurde, gab es eine sehr große Individualität in der Interpretation. Die Bewegungen waren mehr ein emotionaler und kultureller Ausdruck, der dem Wesen des Tanzes entsprach. Schrittfolgen und Figuren änderten sich synchron zum Zeitgeist. Auf öffentlichen Tanzveranstaltungen kamen die Paare trotzdem miteinander klar, da in der Gemeinschaft entwickelte Regeln, wie man mit dem Tanzpartner klar kommt, mündlich vermittelt wurden. Man lernte in der Familie, von Freunden und Bekannten. Da die Führung wesentlich war, war ein Grundschritt nicht notwendig, um miteinander tanzen zu können. Die Basis lag vielmehr in einem Grundbewegungsmuster, das variabel der Situation angepasst wurde. Die mündliche Überlieferung war ein Garant für eine permanente, zeitgemäße Aktualisierung der Inhalte, im Gegensatz zu schriftlich festgehaltenen Grundschritten, die schnell zum Alteisen gehörten. Diese ursprüngliche Form des Tanzes richtete sich nicht nach einem starren technischen Regelwerk, sondern folgte und folgt noch heute den Empfindungen und Beziehungen der Leute zueinander. back to top

Der Tango Grundschritt und sein Ruf

Während in den klassischen Tanzschulen der "Tango" mit Promenade, Wiegeschritt und Chassé unterrichtet wird, in fest abgezirkelten Figuren, findet man beim Tango Argentino spanische Begriffe, die an spezifische Schrittelemente geknüpft sind. Diese Bezeichnungen sind nicht einheitlich und der Volksmund benennt sie frei, in assoziativen Begriffen: z.B. Ocho = die Acht, weil die Füße am Boden eine Acht zeichnen, Pivot = Drehpunkt ( Bezeichnung aus dem Ballett übernommen), Giro = Drehung, Barrida = Fegen, Soltada = Loslassen... etc
In der "Tango Argentino Szene" sind Tanzlehrer zu finden, die eine strikte Ablehnung von Schrittfolgen und Regeln praktizieren. Üblich ist die Ankündigung auf Werbeprospekten von Tango Argentino Schulen, dass man den Tango ohne feste Schrittfolgen unterrichtet. Wie das gehen soll bei einem Tanz, der durch seine immense Vielfalt von Figuren, Techniken und Schritten hervorsticht, ist mir schleierhaft. Die Acht (Ocho) ist ein Element mit einer spezifischen Schrittfolge, selbst "Caminar" ist eine feste Schrittfolge und zwar indem man einen Fuß vor den anderen setzt. Es lassen sich viele solcher festen Schrittfolgen als tangotypisch ausmachen, sie im Unterricht wegzulassen zeugt von Inkompetenz. Sollte hier vielleicht wieder ein Tango Nuevo erfunden werden? Ein bequemer Weg, wenn man sich mit den Inhalten des Tangos nicht auseinandersetzen will. Die Ergebnisse der sogenannten Weiterentwicklungen auf europäische Art, so wie es in den 20er Jahren schon einmal geschah, möge uns erspart bleiben.
Am Rio de la Plata gibt es sehr wohl Bezeichnungen für Tanztechniken, feste Schrittfolgen und Kombinationen, Führungstechniken etc... Der Tango ist eine Körpersprache und hat deshalb auch mehr den Charakter einer Sprache, als dass man ihn durch einen bestimmten Grundschritt definieren kann. Verschiedene Muster tauchen immer wieder auf, werden zerpflückt und anders zusammengesetzt, so wie Worte und Sätze nach den Regeln der Grammatik zusammengesetzt werden. Wer beim Tango Argentino von vollkommener Freiheit spricht begeht ebenfalls Etikettenschwindel oder phantasiert. Treffenderweise hat man aus diesem Grunde den Bühnen Tango als "Tango Fantasía" bezeichnet, um dem Künstler die künstlerische Freiheit zu geben. back to top

Jetzt also doch ein Grundschritt für Tango Argentino ?

Ende der achtziger Jahren trafen sich einige wichtige argentinische Maestros (Antonio Todaro, Raul Bravo, Juan Carlos Copes, Eduardo Arquimbao etc...) in Buenos Aires, um im Ausland koordinierter unterrichten zu können. Sie versuchten dem ausländischen Bedürfnis nach Festschreibung eines Grundschrittes entgegen zu kommen, indem sie einen einheitlichen Grundschritt - Base genannt - zu definieren versuchten. Bei allem guten Willen konnten sie sich nicht einig werden, wie dieser Schritt aussehen sollte. Jeder hatte andere Vorstellungen von der "Base", dem sogenannten Tango Grundschritt. Das dadurch ein besserer ökonomischer Gewinn in Europa möglich wäre, war ihnen klar, half aber nicht weiter beim Versuch, einen Normschritt festzulegen. Einig war man sich, dass eine Tango-Schrittsequenz zwischen einer Eröffnung (Apertura, Salida) und einem Abschluss (Terminación, Cierre) stattfindet, auf eine einheitliche "Base" konnte man sich jedoch nicht einigen. Es kursierte demzufolge jahrelang eine Base mit unterschiedlicher Ausführung und Interpretation durch die Tango Argentino Welt im Ausland. Einige waren bereit, diesen als Tango Grundschritt aufzunehmen.
In der Base ist mehr die Grammatik oder das Prinzip enthalten, wie man den Tango tanzt, als eine konkrete, geometrische Schrittfolge mit einem festgelegten Rhythmus, wie man sie von einem Grundschritt erwartet. Auch im Sprachunterricht ist es üblich, den Schülern einen Mustersatz vorzustellen um ihm zu zeigen, wie die Grammatik funktioniert. Die Base ist auch nicht nur eine weitere Figur des Tango Argentino, so wie es manche Schulen unterrichten. Auf Grund der historischen Entwicklung ist es verständlich, dass das europäischen Publikum die Bereitschaft hat, die Base als Grundschritt zu verstehen. Aber de facto wird sie im Tanzsalon selten als feste geometrische Form benutzt, wohl aber ihr zugrunde liegendes Prinzip, um Sequenzen zu erzeugen. Die Base besteht aus 8 Schritten, von der Eröffnung bis zum Abschluss. Darin enthalten sind die Gehschritte, Gewichtswechsel und das Vorkreuz der Frau. Die 6er Base, auch "Baldosa" genannt, ohne Vorkreuzen der Frau, fand seine Anwendung, um mit Eröffnung, Gehschritt und Abschluss die Konstruktion einer Tangosequenz zu veranschaulichen. Schaut man auf die Beine der tanzenden Tangueros/as ist die Base als sich wiederholender, charakteristischer Schritt für den Tanz meist nicht zu sehen. back to top

Tango vom Rio de la Plata©

Die Tangoschulen vom Rio de la Plata, die sich in den achtziger Jahren zusammen gefunden haben, unterrichten seit 1982 den Tango Argentino ohne die Anforderungen, eine exakte Norm zu erfüllen. Ziel ist es, den Wurzeln des Tango Argentino treu zu bleiben, ohne eine größere kulturelle Verfremdung zu bewirken, um das Debakel des Etikettenschwindels der 20er Jahre nicht zu wiederholen. Lateinamerikanische Tänze sollen in ihrem ursprünglichen Wesen vermittelt werden, und das geht nicht mit einem exakt definierten Grundschritt. Die Beziehung und Verbindung unter den Tanzpartnern ist der Schlüssel zum gemeinsamen Tanz. Zu jedem lateinamerikanischen Tanz gibt es eine Syntax der Tanzelemente, die angibt, wie die einzelnen Tanzbewegungen von Frau und Mann zu ordnen und zu synchronisieren sind. Die Führung ist dabei der Schlüssel, um unter den Tanzenden kompatibel zu bleiben. In den Schulen von Tango vom Rio de la Plata wird die kulturelle Tradition des jeweiligen Tanzes geachtet. Die Kompatibilität mit der Tanzkultur vom Rio de la Plata ist selbstverständlich. Wir gehen davon aus, dass durch permanente Veränderung der Tango lebendig bleibt. Bei allem Verständnis für kreative Freidenker: Den Tango über die Tangokonventionen hinaus zu verändern, bedeutet die Essenz des Tango Argentinos zu verpassen, und ist ein Etikettenschwindel! Zusammenfassend möchte ich festhalten, dass das Ausufern in Beliebigkeit genauso wurzellos und tot ist, wie das Nachahmen einer bloßen Bewegungsschablone als Grundschritt.
Daher ist es Zeit den Etikettenschwindel zu beenden indem wir zurück zu dem Prinzip kehren: Wir schreiben drauf was drin ist. Der Ursprungstanz wird nach seinem Namen/Gattung geführt und die europäische/englische Variante erhält den Zusatz "europäisch" oder "englisch" Bsp.: es gibt "Tango" und die Untergruppe ist "europäischer Tango" und diesen sollten dann auch die österreichischen Tanzkontrolleure begutachten. back to top

1) Erst 2016 wurden aus den geschützten Gesellschaftstänzen die "Lateinamerikanische Tänze wie Lambada, Bachata, Merengue, Soca, Salsa, Tango Argentino" entlassen. (Quelle: Infoblatt der Wirtschaftskammer Wien Abt. Freizeit und Sportbetriebe)
2) Vor 2016: Nach den Bestimmungen des Wiener Tanzschulgesetzes darf die gewerbsmäßige Erteilung von Unterricht in Gesellschaftstänzen nur bei Vorliegen der persönlichen Voraussetzungen (§ 3) und nach rechtswirksamer Anzeige (§ 2) in hierfür geeigneten Betriebsstätten (§ 14) erteilt werden. Es verbietet Tanzunterricht ohne vorherige Prüfung bei der österreichischen Innung abzulegen. Die Gesellschaftstänze umfasst lt. ÖNORM derzeit u.a. Blues, Jitterbug, Lindy Hop, Swing, Rock 'n' Roll, Boogie, Jive, Rumba, Bolero, Lambada, Zouk, Rumba Cubanisch, Cha-Cha-Cha, Langsamer Walzer (Englisch Waltz), Rumba Square, Countrytänze, Mambo, Salsa, Bachata, Modetänze, Marsch, Samba, Disco-Fox, Merengue, Soca, Foxtrott (Slowfox und Quickstep), Paso Doble, Tango, Tango Argentino, Polka, Wiener Walzer, historische Tänze wie z.B. Menuett, Quadrille, Polonaise.

Der Tanzgrundschritt - ein Etikettenschwindel

Tango in der Tanzschule:
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Tango argentino:
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Salsa in der Tanzschule:
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Salsa cubana:
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Rumba auf europäisch:
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Zum Vergleich Rumba cubana:
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Samba nach Athur Murray,
da stimmt noch nicht einmal die Musik:
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Samba de Gafiera Brasilien:
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